Die Welt von heute scheint dynamischer und unübersichtlicher denn je. Während globale Vernetzung und digitaler Wandel die internationale Gemeinschaft eng zusammenführen, verschwimmt in der Flut aus Daten, Nachrichten und Meinungen oft das Bild zwischen grundlegenden Zusammenhängen. Nicht selten verengt sich so der Blick auf das Zeitgeschehen auf bruchstückhafte Ausschnitte, während gewohnte Erklärungen kaum oder gar nicht mehr greifen. In dieses Vakuum treten oft Mythen – pauschale, undifferenzierte Erzählungen, die zwar Ordnung ins Chaos bringen aber eben auch zu Fehleinschätzungen führen. Davor sind weder Politik noch Medien oder Zivilgesellschaft gefeit.
Um Konflikte und Friedensprozesse zu verstehen ist es hilfreich diese Annahmen im Vergleich mit den zugrundeliegenden Ursachen, Dynamiken und Folgen zu hinterfragen. In einer kleinen Beitragsreihe wollen wir gängige Mythen über Konflikt und Frieden unter die Lupe die nehmen, um Schlagzeilen künftig besser einordnen zu können. Den Anfang macht der Satz: „Das ist ein reiner Stellvertreterkrieg“.
Innerstaatliche Konflikte im Schatten globaler Machtinteressen
Ob er wirklich ein Mythos ist, hängt vom jeweiligen Fall ab. Aber einen Konflikt pauschal als „reinen Stellvertreterkrieg“ zu bezeichnen, gilt in der modernen Konflikt- und Friedensforschung häufig als voreilige Verallgemeinerung komplexer Sachverhalte. Ein Eindruck, der oft bei einer bestimmten Konstellation entsteht: Nämlich dann, wenn in der Regel außenstehende Groß- oder Regionalmächte lokale Konfliktparteien mit Waffen, Geld, Beratern und weiteren Mitteln unterstützen, ohne selbst direkt gegeneinander zu kämpfen. Stattdessen tragen die außenstehenden Rivalen ihre geopolitischen und ideologische Interessenkonflikte militärisch über Drittstaaten aus.1
Wer bei dieser Beobachtung stehen bleibt, läuft Gefahr, lokale Akteure im Extremfall zu Figuren auf einem Schachbrett zu reduzieren, weil Verantwortlichkeiten und tieferliegende Ursachen pauschal externen Mächten zugeschrieben werden. Der lokale Kern bewaffneter Auseinandersetzungen wie soziale Ungleichheit, Staatszerfall, Ressourcen- oder Machtkämpfe wird ausgeblendet und die Systematik internationaler Verflechtungen unterschätzt. Was wiederum die Wahrnehmung des eigentlichen Konflikts verzerrt und den Blick für adäquate Lösungsansätze verstellt.
Sind lokale Gruppen nur der Spielball großer Mächte?
Die Fehlannahme des „reinen Stellvertreterkriegs“ übersieht, dass örtliche Konfliktparteien, darunter Regierungen, Stammesverbände, Separatisten oder Paramilitärs, durchaus externe Unterstützer für ihre lokale Agenda einspannen können. Oft verfolgen sie nämlich eigene Ziele wie Machterhalt, regionale Vorherrschaft oder die Abwehr eines Genozids. In dieser sogenannten Patron-Klient-Beziehung, in der sich Interessen häufig überschneiden, aber nie ganz deckungsgleich sind, gibt es ein Machtgefälle.2 Der Unterstützer (Patron) ist zwar in Bezug auf die Ressourcen überlegen, aber der lokale Akteur (Klient) hat die Streitkräfte sowie detaillierte Orts- und Lagekenntnisse, die er zu seinem Vorteil nutzt.3 So erhält er seine Handlungsfreiheit und ist kein bloßer Befehlsempfänger. Letztlich weisst auch der Klient, dass der Patron ihn aller Wahrscheinlichkeit nach nicht fallen lässt, weil er an Einfluss verlieren und eigenen Interessen schaden würde. Die externe Unterstützung ist also keine totale Kontrolle.4
Das Fallbeispiel Afghanistan
So wird der Krieg in Afghanistan (1979-1989) oft auf das Duell USA gegen UdSSR reduziert. Allerdings greift das Label eines „reinen Stellvertreterkrieges“ viel zu kurz, wenn man über die lokalen Ursprünge des Konflikts hinwegsieht. Natürlich war Afghanistan zehn Jahre lang ein Schauplatz des Ost-West-Konflikts. Während die Sowjets die kommunistische Regierung in Kabul stützten, unterstützten die Vereinigten Staaten zusammen mit Saudi-Arabien und Pakistan den islamischen Widerstand mit Waffen, Munition, Ausrüstung, Geld, Geheimdienstinformationen, Logistik und Truppenausbildung.5,6 Washington befürchtete, dass die sowjetische Intervention Teil einer umfassenderen Strategie war, die Kontrolle über den Persischen Golf und seine für die westliche Wirtschaft wichtigen Ölreserven zu gewinnen (Carter-Doktrin).7,8 Also versuchten die Amerikaner, die UdSSR auf afghanischem Boden in einen langwierigen, kostspieligen Konflikt zu verwickeln, der Moskaus Einfluss und Machtbasis in der Region militärisch, ökonomisch und politisch untergrub (Operation Cyclone).9
Allerdings suggeriert „ein reiner Stellvertreterkrieg“, dass die Afghanen lediglich der Spielball zweier Weltmächte waren.10 Doch schon vor dem Einmarsch der Roten Armee schlitterte das Land mit dem Sturz von König Zahir Shah (1973) in eine Abwärtsspirale aus Gewalt und politischem Chaos.11,12 Der innerafghanische Konflikt entzündete sich an der autoritären Modernisierung und Unterdrückung Oppositioneller. Mit der Machtergreifung der Kommunisten (1978), die Afghanistan mit Gewalt in einen sozialistischen Staat verwandeln wollten, eskalierte die Situation. Die tieferen Ursachen des Konflikts waren hausgemacht. Moskau und Washington sprangen praktisch auf einen Zug, der bereits in Flammen stand.
Vom innerafghanischen Bürgerkrieg zum Brennpunkt der Weltpolitik
Nach dem Abzug der Roten Armee und dem Zusammenbruch der Sowjetunion regionalisierte sich der Konflikt nach 1989 zunächst.13 Da die USA und Russland das Interesse verloren, füllten Pakistan, Saudi-Arabien, Usbekistan und der Iran das entstandene Vakuum aus. Mit der Machtübernahme der Taliban (1996) diente Afghanistan in der Folgezeit nicht nur regionalen, sondern auch transnational agierenden Terrornetzen als Rückzugsraum, Trainingslager und Operationsbasis, wodurch sich der innerstaatliche Konflikt mit einer global-dschihadistischen Agenda verknüpfte.14 Die Terroranschläge vom 11. September 2001 machten aus dem ursprünglich innerafghanischen Konflikt endgültig einen der wohl bedeutsamsten Hotspots der internationalen Sicherheitspolitik.15,16 Allein mit einem „reinen Stellvertreterkrieg“ lassen sich Entwicklung und Dynamik des Afghanistankonflikts schwer darstellen.
Quellen:
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1 Hellmann, Gunther (1993): Weltmachtrivalität und Kooperation in regionalen Konflikten. Die USA und die Sowjetunion in den Kriegen des Nahen und Mittleren Osten, 1973-1991 (1. Aufl.), S. 35f., URL: https://www.fb03.uni-frankfurt.de/75414657/Diss_Gunther_Weltmachtrivalit%C3%A4t_und_Kooperation_in_regionalen_Konflikten.pdf (Abgerufen am 02.04.2026)
2 Ebd. S. 54-56
3 Ebd., S. 54 f.
4 Ebd., S. 55
5 Broekaert, Clara/Clarke, Colin P. (2025, April 12): Gegenwart und Zukunft des globalen Islamismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, S. 11, URL: https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/APuZ_2025-16-19_OnlinePDF_Islamismus.pdf (Abgerufen am 02.04.2026)
6 Office of the Historian: Foreign Relations of the United States, 1977–1980, Volume XII, Afghanistan: 76. Summary of Conclusions of a Special Coordination Committee Meeting, URL: https://history.state.gov/historicaldocuments/frus1977-80v12/d76 (Abgerufen am 02.04.2026)
7 Boot, Max/Doran, Michael (2015, April 10): Remember the Carter Doctrine, URL: https://www.hudson.org/foreign-policy/remember-the-carter-doctrine (Abgerufen am 02.04..2026)
8 Office of the Historian: Foreign Relations of the United States, 1977–1980, Volume XVIII, Middle East Region; Arabian Peninsula: 45. Editorial Note, URL: https://history.state.gov/historicaldocuments/frus1977-80v18/d45 (Abgerufen am 02.04.2026)
9 Ebd.
10 Schettert, Conrad (1998): Afghanistan zwischen Chaos und Machtpolitik: vorläufige Fassung, in: Internationale Politik und Gesellschaft, Heft 2, S. 190, URL: https://collections.fes.de/publikationen/ident/fes/00160 (Abgerufen am 02.04.2026)
11 Perović, Jeronim (2019, Dezember 24): Mit dem Putsch begann Afghanistans Tragödie, in: Neue Zürcher Zeitung, S. 7, URL: https://www.cees.uzh.ch/dam/jcr:390d1c56-dbaa-42ab-8dfe-ff2adb1af589/NZZ-20191224_print_S.7.pdf (Stand: 02.04.2026)
12 Schettert, Conrad (1998): Afghanistan zwischen Chaos und Machtpolitik: vorläufige Fassung, in: Internationale Politik und Gesellschaft, Heft 2, S. 176-178, URL: https://collections.fes.de/publikationen/ident/fes/00160 (Abgerufen am 02.04.2026)
13 Ebd., S. 174, 179f.
14 Clayton, Thomas: Terrorist Groups in Afghanistan (Washington, DC: Congressional Research Service, 2. April 2024), URL: https://www.congress.gov/crs_external_products/IF/PDF/IF10604/IF10604.17.pdf (Abgerufen am 02.04.2026)
15 NATO (2022, Mai 30): ISAF’s mission in Afghanistan, URL: https://www.nato.int/en/what-we-do/operations-and-missions/isafs-mission-in-afghanistan-2001-2014 (Abgerufen am 02.04.2026)
16 Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (o.D.): Der Konflikt in Afghanistan und die UN, URL: https://frieden-sichern.dgvn.de/konflikte-brennpunkte/afghanistan (Abgerufen am 02.04.2026)
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