Mit dem Krieg in der Ukraine sind Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch nukleare Drohungen wieder zurück in der internationalen Politik.1,2,3 Während Atommächte im Kalten Krieg mit Kernwaffen die eigene Vernichtung verhindern wollten, dient ihr Besitz heute auch teilweise dazu konventionelle militärische Ziele zu verfolgen, indem durch eine atomare Drohkulisse Außenstehende von einer Intervention oder Unterstützung abgeschreckt werden.4 Zu diesem Zweck nutzen neben Russland auch andere Atommächte ihr nukleares Waffenarsenal, darunter Nordkorea und Pakistan.
Obwohl der tatsächliche Einsatz von Atomwaffen etwa durch Russland laut der Stiftung Wissenschaft und Politik als sehr unwahrscheinlich gilt, gibt diese Verschiebung weltweit Anlass zur Besorgnis. Denn die alten Spielregeln der Abschreckungslogik greifen nicht zuverlässig, wenn das höchste Schutzgut nicht mehr die Existenz der eigenen Bevölkerung ist, sondern imperiale Ansprüche, Ideologie, Macht- oder Regime-Erhalt.5,6,7 Letztlich baut die Abschreckungstheorie auf rational handelnden Akteuren auf die auf Basis eines Kosten-Nutzen-Kalküls handeln, doch in dynamischen und hoch komplexen Krisenlagen handeln Entscheidungsträger unter hohem Druck und Stress nicht zwangsläufig nach logischen Maßstäben.8 Jedenfalls haben die veränderte Sicherheitslage und wachsende Zweifel an der Zuverlässigkeit des US-Nuklearschirms unter Präsident Trump dazu geführt, dass in Europa verstärkt über den Aufbau eigener nuklearer Kapazitäten nachgedacht wird.9 Damit ist der Mythos von der militärisch unbesiegbaren Atommacht schlagartig wieder aktuell.
Die Architektur des nuklearen Weltuntergangs
Seinen Ursprung hat er in der nukleare Abschreckungstheorie der „Wizards of Armageddon“.10 Diese Gruppe amerikanischer Strategen und Wissenschaftler entwickelte nach dem Zweiten Weltkrieg die Logik, dass die Androhung massiver Vergeltung nicht erst einen atomaren, sondern schon jeden konventionellen Angriff verhindern würde. Denn im Falle einer existenziell bedrohlichen Niederlage würde eine Atommacht ihre Kernwaffen einsetzen – was zwangsläufig eine globale Katastrophe zur Folge hätte. Da ein Schlagabtausch unter den Vorzeichen einer garantierten wechselseitigen Vernichtung keine Sieger kennt, ist der Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln aus Sicht der Abschreckungstheorie keine Option mehr, weil das Risiko der totalen Selbstvernichtung unbeherrschbar geworden ist.11
Trotzdem zeigt der Blick in die Geschichte, dass dieser Nimbus der Unantastbarkeit, oft an der Realität vorbeigeht. Bisher ist keine Atommacht, darunter etwa die USA, China, Russland, Frankreich oder Indien, von einer fremden Kriegspartei erobert und vollständig besetzt worden. Jedenfalls nicht während sie über einsatzbereite Kernwaffen verfügten. Daraus aber abzuleiten, dass sie keine militärische Konfrontation verlieren, geht an der Realität vorbei. Prominentes Beispiel ist der Vietnamkrieg.
Lehren aus dem Dschungel: Die Entzauberung der nuklearen Supermacht
Die Amerikaner scheiterten trotz taktischer Überlegenheit, weil der strategische Fokus von Vietcong und nordvietnamesischer Armee nicht auf einen (zeitnahen) Sieg ausgerichtet war, sondern darauf, den Konflikt in die Länge zu ziehen. Während die Vereinigten Staaten auf hochmoderne Waffen und offene Feldschlachten setzten entzog sich der Gegner im Guerillakampf systematisch diesen Bedingungen.12,13 Mit einer Kombination aus extremer Opferbereitschaft, starkem Bevölkerungsrückhalt, ausgeklügelten Versorgungsnetzen, detaillierten Ortskenntnissen, Dschungelkampf, Sabotage, Sprengfallen und schnellen, kurzen Angriffen höhlte der Vietcong langsam aber stetig den politischen Willen der amerikanischen Führung und Bevölkerung aus an der Militärpräsenz festzuhalten.14,15 1973 zogen die Amerikaner nach dem Scheitern ihrer Agenda sämtliche Truppen ab, womit die gegnerische Seite militärisch siegte.
Ähnliche Erfahrungen machte sechs Jahre später China, als es in Vietnam einmarschierte; eine Reaktion auf Saigons Intervention in Kambodscha. Milizen und Grenzsoldaten leisteten erbitterten Widerstand. Nach wenigen Wochen kapitulierte Peking. Eine militärische Niederlage erlebte auch die Sowjetunion allerdings in Afghanistan. Hohe Verluste und mangelnde Erfolge im Kampf gegen die Mudschaheddin zwangen Moskau 1989 endgültig zum Rückzug.
Warum atomare Stärke allein keine Kriege gewinnt
Nuklearwaffen erzeugen zwar eine Drohkulisse, die einen Staat (meistens) davor schützt, dass das eigene Territorium einschließlich der Hauptstadt erobert und besetzt wird. Sie sind aber kein Erfolgsgarant etwa für Stellvertreterkriege, Bürgerkriege, Sezessionskriege oder asymmetrische Kriege wo eine Übermacht auf einen schwächeren Gegner trifft.16 Gegen nicht-staatliche Akteure wie Milizen, Warlords, Rebellen oder Terrornetzwerke ist ein riesiges Kernwaffenarsenal ebenso nutzlos wie im Guerillakampf oder bei der Aufstandsbekämpfung.17 Das unterstreichen die genannten Beispiele.
Zudem ist die Bereitschaft von Atommächten nach einer ungünstigen Kosten-Nutzen-Rechnung Streitkräfte abzuziehen und politische Ziele aufzugeben auf dem Boden fremder Länder tendenziell wahrscheinlicher, als bei einem Verteidigungskrieg im eigenen Land, wo der existenzielle Selbsterhalt im Vordergrund steht.18 Ein Krieg im Ausland verfolgt geopolitische und strategische Interessen, ist aber nicht existenzieller Natur. Ein Kernwaffeneinsatz, der verheerende Auswirkungen hat, steht in keinem Verhältnis zu diesen begrenzten Zielen. Außerdem missachtet ein solches Vorgehen das nukleare Tabu, eine moralische und politische Hemmschwelle, die seit Hiroshima und Nagasaki, den Gebrauch nuklearer Kampfmittel als illegitim und gesellschaftlich inakzeptabel stigmatisiert. Ihr Einsatz würde weltweite Empörung auslösen, den Nutzer politisch isolieren und so normative Kosten verursachen, die kein strategischer Gewinn aufwiegen kann.19
Die Aussage, dass Atommächte unbesiegbar sind, ist nur dann zutreffend, wenn man „militärische Niederlage“, als totale Vernichtung oder vollständige Besatzung definiert. Allerdings unterschlägt diese sehr eng gefasste Sicht, dass Akteure in einem Konflikt auf weitaus mehr Ebenen scheitern können. Wenn etwa eine Atommacht wie die USA in Vietnam für militärische Ziele – menschlich, finanziell und politisch – so immense Ressourcen aufwenden muss, dass die Wirtschaft schier kollabiert oder die politische Legitimation an der Heimatfront schwindet, hat sie den Krieg ökonomisch, psychologisch und diplomatisch verloren.20
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